Letzten November stand ich mit dem Laubrechen in der Hand im Garten und wollte gerade anfangen, alles „ordentlich“ zu machen. Das welke Laub wegharken, die abgestorbenen Staudenstängel abschneiden, die letzten Samenstände entfernen – so macht man das doch im Herbst, oder?
Dann erzählte mir eine befreundete Biologin etwas, das meine gesamte Herbstroutine auf den Kopf stellte: „Sabine, lass es einfach liegen. Genau so, wie es ist.“
Ich dachte, sie macht Witze. Aber sie meinte es ernst – und erklärte mir, warum ein „chaotischer“ Garten im November nicht nur völlig in Ordnung ist, sondern sogar das Beste, was wir für unsere heimischen Tiere und den Boden tun können. Seitdem lasse ich meinen Garten im Herbst bewusst unaufgeräumt. Und ich kann Ihnen sagen: Die Natur dankt es mir auf ihre ganz eigene Weise.
Was in einem „unordentlichen“ Herbstgarten wirklich passiert
Wenn wir im Herbst alles aufräumen, entziehen wir der Natur ihre natürlichen Kreisläufe. In einem Wald käme schließlich auch niemand mit dem Laubrechen vorbei – und trotzdem (oder gerade deshalb) gedeiht dort alles prächtig.
Laub als Naturdecke und Dünger: Das Laub, das von den Bäumen fällt, ist kein Abfall – es ist ein Geschenk. Unter dieser natürlichen Decke bleibt der Boden im Winter feucht und geschützt. Regenwürmer, Käfer und Mikroorganismen zersetzen die Blätter langsam und verwandeln sie in wertvollen Humus. Dieser Humus ist der beste Dünger, den Sie Ihren Beeten geben können – kostenlos, nährstoffreich und perfekt auf die Bedürfnisse Ihrer Pflanzen abgestimmt.
In meinen Staudenbeeten lasse ich das Laub im Herbst einfach liegen. Im Frühjahr ist der größte Teil davon verschwunden, in Erde verwandelt, und meine Pflanzen wachsen kräftiger als je zuvor.
Stängel und Samenstände als Winterquartier für Insekten: Die hohlen Stängel von Stauden wie Sonnenhut, Fetthenne oder Astern sind im Winter Wohnraum für unzählige Insekten. Wildbienen legen ihre Eier darin ab, Marienkäfer suchen Schutz vor der Kälte, und kleine Käfer überwintern in den trockenen Strukturen.
Wenn wir diese Stängel im Herbst abschneiden und wegwerfen, nehmen wir diesen Tieren buchstäblich ihr Zuhause. Viele Insekten schaffen es dann nicht durch den Winter – und im nächsten Frühjahr fehlen sie als Bestäuber und als Nahrung für Vögel.
Laubhaufen als Igel-Hotel: Igel suchen im November nach einem geschützten Platz zum Überwintern. Ein großer Laubhaufen in einer ruhigen Gartenecke ist für sie perfekt: trocken, isolierend, geschützt. Wenn Sie das Laub wegräumen, müssen Igel weitersuchen – und finden in unseren aufgeräumten Gärten oft keinen geeigneten Platz mehr.
Ich habe in meinem Garten bewusst zwei „wilde Ecken“ eingerichtet, in denen ich das Laub zu lockeren Haufen zusammenharke. Jedes Frühjahr entdecke ich Spuren, dass dort jemand überwintert hat – und das macht mich glücklicher als jedes perfekt geharktes Beet.
Diese 5 dinge solltest du jetzt bewusst liegen lassen
Sie müssen nicht Ihren gesamten Garten verwildern lassen. Es reicht, ein paar gezielte Entscheidungen zu treffen – zugunsten der Natur.
1. Laub in den Beeten
Harken Sie das Laub nicht aus Ihren Staudenbeeten. Lassen Sie es als natürliche Mulchschicht liegen. Es schützt die Wurzeln vor Frost, hält die Feuchtigkeit im Boden und wird über den Winter langsam zu Humus.
Wenn Sie das Gefühl haben, es sieht zu unordentlich aus, verteilen Sie das Laub gleichmäßig – das wirkt gepflegter als große Haufen. Aber entfernen Sie es nicht.
2. Staudenstängel stehen lassen
Schneiden Sie Ihre Stauden im Herbst nicht zurück. Lassen Sie die abgestorbenen Stängel bis zum Frühjahr stehen. Sie bieten nicht nur Insekten Unterschlupf, sondern sehen mit Raureif oder Schnee bedeckt auch wunderschön aus.
Besonders wertvoll sind hohle Stängel wie die von Sonnenhut, Disteln, Astern, Fenchel oder Königskerze. Aber auch dichtere Stängel wie die von Fetthenne oder Gräsern geben Struktur und Schutz.
Ich schneide meine Stauden erst Ende Februar oder Anfang März zurück – wenn die ersten warmen Tage die Insekten wieder hervorlocken. Dann sind die Winterquartiere nicht mehr nötig.
3. Eine Totholz-Ecke einrichten
Wenn Sie im Herbst Bäume oder Sträucher schneiden, werfen Sie die Äste nicht weg. Stapeln Sie sie locker in einer Gartenecke zu einem Totholzhaufen.
Dieser Haufen wird zu einem Hotspot der Artenvielfalt: Käfer besiedeln das morschen Holz, Spinnen weben ihre Netze dazwischen, Zaunkönige und Rotkehlchen suchen darin nach Insekten, und im Inneren des Haufens können Igel oder Kröten überwintern.
Meine Totholz-Ecke ist etwa einen Meter hoch und liegt hinter dem Kompost – dort stört sie niemanden, aber die Natur nutzt sie intensiv. Jedes Mal, wenn ich vorbeigehe, entdecke ich neues Leben darin.
4. Ein paar „Unkräuter“ dulden
Nicht jedes Wildkraut muss weg. Gerade im Herbst bieten Pflanzen wie Brennnesseln, Giersch oder Löwenzahn wichtige Nahrung und Unterschlupf für Insekten und deren Larven.
Ich lasse bewusst eine Ecke meines Gartens „wild“ – dort dürfen wachsen, was möchte. Diese Ecke ist oft der lebendigste Teil des Gartens: Schmetterlingsraupen fressen an den Brennnesseln, Hummeln sammeln Nektar an den letzten Blüten, und im Frühjahr sind dort als Erstes die Bienen zu sehen.
5. Abgeblühte Samenstände für vögel
Samenstände von Sonnenblumen, Disteln, Astern oder Karden sind im Winter eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel. Distelfinken, Meisen und Spatzen picken die Samen heraus und finden so auch an kalten Tagen etwas zu fressen.
Lassen Sie diese Samenstände stehen – sie sehen nicht nur dekorativ aus (besonders mit Schnee oder Raureif), sondern sie füttern Ihre gefiederten Gartenbesucher ganz natürlich durch den Winter.
Ich beobachte gerne vom Küchenfenster aus, wie sich die Vögel an den alten Sonnenblumen bedienen. Es ist wie ein lebendiges Vogelfutterhaus – nur dass die Natur es selbst gebaut hat.
Wo du trotzdem aufräumen solltest – die Sicherheitszonen
Ich verstehe, wenn Sie nicht möchten, dass Ihr ganzer Garten aussieht wie eine verwilderte Wiese. Das muss er auch nicht. Es gibt Bereiche, die Sie aus praktischen und sicherheitsrelevanten Gründen aufräumen sollten.
Wege und Einfahrten: Laub auf Gehwegen wird bei Nässe rutschig und kann zu gefährlichen Stürzen führen. Harken Sie Ihre Wege frei und bringen Sie das Laub in die Beete oder auf Ihren Laubhaufen in der Gartenecke.
Rasenflächen: Eine dicke Laubschicht auf dem Rasen führt zu Fäulnis und Schimmel. Wenn Sie Ihren Rasen im nächsten Frühjahr noch nutzen möchten, sollten Sie das Laub dort entfernen. Aber auch hier gilt: nicht wegwerfen, sondern in die Beete bringen.
Teichrand: Laub, das in den Teich fällt, verbraucht beim Zersetzen Sauerstoff und kann das biologische Gleichgewicht stören. Fischen Sie regelmäßig Blätter von der Wasseroberfläche und schützen Sie kleine Teiche mit einem Netz.
Unter Obstbäumen: Wenn Ihr Apfel- oder Birnbaum von Krankheiten befallen war (zum Beispiel Schorf), sollten Sie das Falllaub entfernen. Sonst übertragen sich die Erreger im nächsten Jahr wieder auf die neuen Blätter. Dieses Laub gehört nicht auf den Kompost, sondern in die Biotonne.
Diese klaren Zonen geben Struktur und zeigen: Ein naturnaher Garten muss nicht chaotisch sein. Er ist bewusst gestaltet – mit Raum für die Natur und Raum für uns Menschen.
Mini-Projekte für Kinder und Enkel
Wenn Sie den unaufgeräumten Herbstgarten mit Kindern erleben, wird daraus ein wunderbares Naturerlebnis. Hier ein paar einfache Projekte:
Ein Igelhaus bauen: Suchen Sie gemeinsam einen ruhigen Platz im Garten. Stapeln Sie dort Äste, Zweige und Laub zu einem kleinen Haufen, etwa 50 cm hoch. Darüber können Sie eine alte Holzkiste stülpen (mit Eingangsschlitz) oder einfach mehr Äste und Laub anhäufen. Markieren Sie das Igelhaus mit einem kleinen Schild: „Bitte nicht stören – hier wohnt jemand!“
Die Kinder werden im Frühjahr gespannt nachschauen, ob der Igel tatsächlich eingezogen ist. Wichtig: Erst Ende März wieder nachschauen, wenn der Igel seinen Winterschlaf beendet hat.
Insektenhotel aus Restholz: Bohren Sie mit den Kindern Löcher in Holzklötze (6–10 mm Durchmesser, mindestens 8 cm tief). Diese Löcher werden im Frühjahr von Wildbienen als Nisthilfe genutzt. Hängen Sie das Insektenhotel an einer sonnigen, geschützten Stelle auf – und beobachten Sie im Sommer, wie die Bienen ein- und ausfliegen.
„Laub-Inseln“ markieren: Wenn Sie möchten, dass bestimmte Laubhaufen über den Winter unangetastet bleiben, lassen Sie die Kinder kleine Schilder basteln und aufstellen: „Winterquartier“, „Igel-Zone“ oder „Insektenhotel“. Das macht sichtbar, dass diese „Unordnung“ Absicht ist – und die Kinder lernen dabei, warum die Natur Rückzugsorte braucht.
Meine Enkelkinder haben im letzten Herbst drei solcher Laub-Inseln angelegt und bunt bemalt. Sie sind unglaublich stolz darauf, dass „ihr“ Garten jetzt Tiere beherbergt. Und sie verstehen, dass Natur nicht perfekt ordentlich sein muss, um wertvoll zu sein.
Warum biologen begeistert sind
Das Konzept des „unaufgeräumten Gartens“ ist nicht neu – aber es gewinnt gerade in Zeiten des Insektensterbens enorm an Bedeutung. Biologen und Naturschützer betonen immer wieder: Unsere Gärten können wichtige Lebensräume sein, wenn wir sie lassen.
In Deutschland sind etwa 50 Prozent der Wildbienenarten bedroht. Viele Insekten finden keine Nahrung und keine Überwinterungsmöglichkeiten mehr. Unsere Gärten – zusammen eine riesige Fläche – könnten diesen Tieren helfen. Aber nur, wenn wir aufhören, alles perfekt aufzuräumen.
Jeder unaufgeräumte Garten ist ein kleines Naturschutzgebiet. Jeder Laubhaufen, jeder stehen gelassene Stängel, jedes geduldete „Unkraut“ macht einen Unterschied.
Und das Schöne ist: Es ist kein Aufwand. Im Gegenteil – Sie müssen weniger tun. Weniger harken, weniger schneiden, weniger aufräumen. Sie gewinnen Zeit, die Natur gewinnt Raum, und alle sind zufriedener.
Mein versprechen an Sie
Wenn Sie diesen November Ihren Rechen im Schuppen lassen und bewusst Teile Ihres Gartens unaufgeräumt lassen, werden Sie im Frühjahr den Unterschied sehen. Mehr Insekten, mehr Vögel, kräftigere Pflanzen, gesünderer Boden.
Und Sie werden feststellen, dass ein „unordentlicher“ Garten gar nicht unordentlich aussieht – er sieht lebendig aus. Natürlich. Echt.
Probieren Sie es aus. Lassen Sie das Laub liegen. Lassen Sie die Stängel stehen. Schaffen Sie eine wilde Ecke. Und beobachten Sie, was passiert.
Die Natur wird es Ihnen danken – und Sie werden staunen, wie viel Leben plötzlich in Ihrem Garten zu finden ist.


